Offstage

Sowohl die Techniken zur Steuerung der öffentlichen Meinung als auch die Mechanismen, mit denen sich die Politik der öffentlichen Kritik und Überprüfung öffnet, werden immer raffinierter. Die Perspektive, die dem Bürger gewährt wird, unterliegt den Kriterien von Public Relations. Wie bei der Werbung besteht das Ziel darin, die Menschen vom Kauf zu überzeugen, zu selten ist man bemüht, sie in eine Diskussion zu verwickeln und ihnen eine bessere Antwort zu geben. Auch die Kommunikation des Europäischen Parlaments mit den Bürgern ist inszeniert. Durch methodische Öffentlichkeitsarbeit erstrahlt das einzige direkt gewählte Organ der Europäischen Union stets professionell in Bild und Schrift. Der kommunizierte Inhalt verlässt dabei selten den Bereich des Politischen und wirkt zunehmend eintönig und farblos auf die Bürger. Selbst die Laufwege für Besucher sind — zwischen Präsentationsräumen und Besuchertribüne auf der einen und den Arbeitsbereichen der Abgeordneten auf der anderen Seite — starr abgegrenzt und werden durch Sicherheitspersonal abgeschirmt.

Hinter der arrangierten Kulisse verbirgt das Europäische Parlament jedoch eine weitaus vielschichtigere Persönlichkeit. Einer Kleinstadt ähnlich bildet es den Arbeitsplatz für eine sehr menschliche Alltagswelt, die den Betrieb der politischen Showbühne garantiert, jedoch nie selbst als Teil der Inszenierung in den Vordergrund tritt. Die Heerscharen von Technikern, Köchen, Friseuren, Bank- und Supermarktangestellten arbeiten dabei in einer Parallelwelt und treten beiläufig mit den politischen Akteuren in Kontakt.

Das Projekt offstage ist der Versuch, den Bürgern einen Blick hinter die Kulissen des Europäischen Parlaments zu ermöglichen und ihre Aufmerksamkeit auf die alltägliche Parallelwelt hinter der politischen Showbühne zu richten. Während die Öffentlichkeitsarbeit der Parlamentsverwaltung nur einen Teilaspekt vermittelt, soll durch die Bilder von Fotograf Jürgen Grünwald das Innenleben des politischen Organs abgebildet werden. Dieses Buch soll versuchen, dem Betrachter die Persönlichkeit des Parlaments näherzubringen, die es durch die professionalisierte Kommunikation in der Außenwahrnehmung eingebüßt hat.

Die Begleittexte verknüpfen die Aufnahmen mit aktuellen politischen Debatten und sorgen dafür, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der europäischen Politik und der parlamentarischen Innenpolitik angeregt wird. Die Fotografien wurden dabei spontan und ohne Vorgaben in Brüssel und Straßburg angefertigt. Sie gewähren einen umfassenden Einblick: vom Dach bis zum Keller, vom Büro des Parlamentspräsidenten bis in die Garage. Für den exklusiven Blickwinkel wurden Zäune übersprungen und Mauern überwunden. Es wurden Räume betreten, die in diesem Buch zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Die Fotografien überwinden das von der herkömmlichen Öffentlichkeitsarbeit projizierte Bild und ermöglichen den Bürgern einen breiten, authentischen und kritischen Blick auf das Europäische Parlament.

TheGap.at: Offstage – die Fotoausstellung; 5. Februar 2013.