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Politik-TV-Talkrunden in Österreich: Wer wird eingeladen?

In der österreichischen Politik-Medienwelt bilden die TV-Talkrunden ein spezielles Habitat. Insgesamt 201 Sendungen bei acht unterschiedlichen TV-Politik-Talkformaten wurden 2012 auf ORF, ATV und Puls4 ausgestrahlt. 810 Auftrittsmöglichkeiten standen zur Verfügung. 522 Gäste wurden eingeladen. Die beste Einschaltquote erreichten die beiden Folgen der ORF-Sendung Bürgerform. Im Schnitt sahen 578.000 Personen zu. Doch wer darf seine Interessen artikulieren und wird als Meinungsmacher im österreichischen Fernsehen zugelassen?

Gästestruktur: Ein Drittel Politiker, Sozialpartner irrelevant

Aktive und ehemalige Politiker bilden mit 35,6 Prozent die größte Gästegruppe. Dieser Anteil ist im ORF und im Privatfernsehen etwa gleich hoch. Es folgen Experten und Berater mit 23,4 Prozent. Nimmt man die Journalisten hinzu, dann liegt der Auftrittsanteil der drei Gästegruppen bei 77,8 Prozent. Damit ist klar: Politiker, Experten und Journalisten sind die TV-Meinungsmacher. Auffällig ist, die seit 1945 existierende Sozialpartnerschaft – in den 80er Jahren auch als „Schattenregierung“ bezeichnet – lediglich eine marginale Rolle spielt. Dies gilt insbesondere für die Arbeitnehmervertreter. Mehr Auftrittsmöglichkeiten gibt es für die Zivilgesellschaft, sprich für NROs, Initiativen oder Religionsvertreter.

ÖVP mit den meisten Auftritten, mehr ausländische Politiker als Grüne

24,7 Prozent der 282 Politikerauftritte wurden von der ÖVP wahrgenommen. Die Volkspartei liegt damit an der Spitze. Eine Punktlandung, zumindest wenn man das vergangene Nationalratswahlergebnis als Verteilungsmaßstab heranzieht. Die ÖVP erreichte damals 25,98 Prozent der Stimmen. Die Grünen sind die einzige Partei die „überrepräsentiert“ war.

Relativ stark vertreten sind Politiker aus anderen Ländern, die in Summe mehr Präsenz aufweisen als die österreichischen Grünen. Mitverantwortlich ist dabei die Sendung Inside Brüssel auf ORF III. Hier sprechen überdurchschnittlich viele EU-Kommissare und Europaabgeordnete aus dem Ausland, während in den übrigen Sendungen nur selten Politiker aus anderen Ländern auftreten.

Für die restlichen Sendungen gilt als Grundregel: More of the same – die herkömmlichen Parteien dominieren. Denn lediglich 3,9 Prozent der Auftritte durften von anderen Parteien wahrgenommen werden. Wenn man bedenkt, dass es in Österreich mehrere hundert Parteien gibt, dass 6,09 Prozent bei der vergangenen Nationalratswahl eine Partei wählten, die derzeit nicht im Parlament vertreten ist und der Nichtwähleranteil bei 22 Prozent liegt, ergibt das einen sehr bescheidenen Prozentsatz der dringend angepasst werden sollte. Noch dazu wenn man bedenkt, dass ohne der Sendung Inside Brüssel dieser Wert noch deutlich kleiner wäre.

Politikerauftritte: Glawischnig Erste, Mölzer Dritter

Vanessa Mock, die Wall Street Journal-Journalistin, wird beinahe zu jeder dritten Sendung von Inside Brüssel eingeladen. Sie absolvierte damit die meisten Sendungsauftritte von allen Gästen. Ähnliches gilt für den Politikexperten Alain Deletroz, auch er hat alle seine Auftritte für die Sendung von ORF-Brüssel-Korrespondent Raimund Löw absolviert. Fast scheint es, als hätte die Sendung ein Problem deutschsprachige Gäste zu finden.

Bei den Politikern kann die Grünen-Chefin Eva Glawischnig mit zehn die meisten Talkrundenauftritte vorweisen. Dicht gefolgt von BZÖ-Frontmann Josef Bucher, dem Rechten EU-Abgeordneten Andreas Mölzer (FPÖ) sowie Stefan Petzner (BZÖ). Das der rechts-nationale Mölzer derart viele Auftrittsmöglichkeiten bekommt, ist dabei ein beschämendes österreichisches Phänomen.

Politiker Tabelle

Personalvielfalt: Bucher und Petzner absolvierten 90 Prozent der BZÖ-Auftritte

Bei der Personenvielfalt gibt es eine mittelstarke Konzentration auf einige wenige Gäste. In Zahlen heißt das: 5,4 Prozent der Gäste absolvieren 21,6 Prozent der Auftritte. Oder anders formuliert: 27,2 Prozent der Personen absolvieren 52,9 Prozent der Auftritte.

Bei den Parteiauftritten zeigt die ÖVP die größte Personenvielfalt. 73 Auftritte teilten sich 40 Gäste. Das ergibt einen Schnitt von 1,8 Auftritte pro Person. Ähnlich bei der SPÖ. 67 Auftrittsmöglichkeiten teilten sich 38 unterschiedliche Gäste (1,9 Auftritte pro Person). Die Konzentration nimmt bei den kleineren Parteien zu. 2,2 Auftritte kommen auf jeden Grünen Talkgast, 2,7 Auftritte auf jeden Rechten von der FPÖ. Am höchsten liegt der Schnitt jedoch beim BZÖ. 90 Prozent der 21 Auftritte absolvierten Bucher und Petzner. Politiker aus dem Ausland werden de facto nur einmal eingeladen.

Mehr Platz für politische Alternativen!

Fazit: Politiker, Experten und Journalisten sind die Meinungsmacher im österreichischen Fernsehen. Herkömmliche Parteipolitik dominiert die Talk-Runden. Diese sind eine Spielwiese für Politiker aus der zweiten und dritten Reihe. Faymann und Spindelegger treten nicht auf. Die beiden Großparteien verteilen ihre Auftritte auf relativ viele unterschiedliche Personen. Bei den kleineren Nationalratsparteien existiert eine Konzentration auf einige wenige Politiker. Die klassischen Sozialpartner spielen keine Rolle als Meinungsmacher.

Zwischen den im Nationalrat vertretenen Parteien werden die Auftrittsmöglichkeiten relativ fair verteilt – mit deutlichen Vorteilen für die Grünen. Alternative Parteien dürfen nur selten auftreten. Es gab keinen einzigen Auftritt eines KPÖ-Politikers, zwei von der Piratenpartei und drei vom LIF. Eindeutig zu wenig, auch in Bezug auf den Mehrwert, denn konfliktreiche Positionen beleben jede Debatte.

 

Erklärung der Kategorien:
Politiker = Aktive und ehemalige Politiker
Journalisten = Journalisten, Redakteure, Autoren
Experten/Berater = Politikberater, Meinungsforscher, Anwälte, Beamte, Sachverständige, Wissenschaftler
Zivilgesellschaft = Initiativen, NROs, Religionsvertreter, Prominente, betroffene Bürger
Unternehmensvertreter = Sozialpartner, Unternehmer, Manager
Arbeitnehmervertreter = Sozialpartner, Arbeiter, Angestellte

NEWS: „EU: 118.000 Euro für ATV-Sendung“, 28. Februar 2013.