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Ich bin FC-Bayern-Fan, holt mich hier raus!

Es ist bekannt, dass jedes Charakteristikum, das man auf die Spitze treibt, schädlich wird. Auch die guten. Die Ausnahme bildet nach Aristoteles lediglich die Mäßigung. Doch nach 26 gewonnen Meisterschaften, 18 DFB-Pokalsiegen und nach fünf Champions-League-Titeln, kann man von Mäßigung beim FC Bayern München, dem erfolgreichsten deutschen Fußballverein, nicht sprechen.

Und obwohl ich mich als Fan des FC Bayerns über diese vielen Erfolge freuen sollte, mich die letzten vier en suite gewonnen Meisterschaften mit Genugtuung erfüllen sollten, muss ich mir die Frage stellen – was bei einem Unterhaltungsgeschäft wie dem Fußball mehr als berechtigt ist –, ob ich nach all den Erfolgen ein glücklicherer Fußballfan geworden bin? Ich kann darauf eine eindeutige Antwort geben: nämlich NEIN, ich bin nicht glücklicher. Und damit stellt sich für mich die Frage, ob man zuviel Erfolg haben kann?

Ein Fußballspieler vermutlich nicht. Die Zeit, in der man auf hohem Niveau spielen kann, ist kurz, da möchte man natürlich alles mitnehmen, was man an Erfolg erreichen kann. Doch als Fußballfan? Ich kann bis zu meinem Tode FCB-Fan bleiben, doch würde ich es toll finden, wenn in den kommenden Jahrzehnten nur mein Lieblingsverein Bundesligameister werden würde? Sicher nicht. Damit ist auch klar, dass es für einen Fan zu viel Erfolg geben kann.

Und der FC Bayern war auf nationaler Ebene in den letzten Jahren zu erfolgreich. Und dieser Erfolg hat für uns Fans einen Preis. Denn die permanenten Siege gehen auf Kosten des Glücks, auf Kosten der Leidenschaft, mit der man die Spiele verfolgt. Die Spannung nimmt mit steigender Siegesgewissheit ab. Ein Fußballnaturgesetz sozusagen.

Und so blickt man beinahe neidisch auf die Anhänger des FC St. Pauli, einen Verein, der an Fan-Emotion, gepaart mit fehlender Konstanz in der fußballerischen und organisatorischen Leistung, wohl nur schwer zu überbieten ist. Hier geht es permanent rauf und runter. Auf zwischenzeitliche Erfolge, wie etwa der Aufstieg in die erste Bundesliga, folgt sofort die Niederlage, der sofortige Abstieg. Es gibt immer etwas worüber man sich freuen kann, und noch mehr, worüber man sich ärgern kann.

Doch als FC-Bayern-Fan hat einen die Dialektik des Erfolgs eingeholt. Eine Übersättigung hat stattgefunden. Man ist frustriert trotz des Erfolgs. Denn worüber soll ich mich sportlich noch aufregen?

Darüber, dass man in den letzten Jahren nur ins Halbfinale der Champions League eingezogen ist? Man nicht permanent das Tripple geholt hat, also die Meisterschaft, den DFP-Pokal und die Champions League innerhalb einer Saison gewonnen hat? Darüber, dass Rafinha statt Phillip Lahm spielt? Worüber soll man sich noch ärgern? Und wenn man sich nicht aufregen kann, woraus ergibt sich die emotionale Dissonanz, die das Fan-Gefühlsleben mit Sinn erfüllt?

Heutzutage besteht das Fußballjahr eines FCB-Fans aus lediglich einer Handvoll mitreißender Spiele. Das Viertel- und Halbfinale der Champions League und das DFB-Cup-Finale, alle anderen Spiele verfolgt man ohne große Anspannung. Das gilt auch für den künstlich herbeigeredeten deutschen „El Clásico“ gegen den BVB aus Dortmund. Denn selbst eine Niederlage gegen die Schwarz-Gelben, rüttelte in den letzten Jahren nicht mehr an der Meisterschaft.

Ich weiß, als echter Fan muss man mit seinem Verein durch dick und dünn gehen. Doch warum müssen die dünnen Zeiten beim FCB immer so erfolgreich sein? Kann man nicht endlich auch wieder einmal um die internationalen Startplätze kämpfen müssen? Kann man nicht endlich wieder eine Saison erleben, bei der jedes Spiel mit Spannung erwartet wird, weil man weiß, es könnte das entscheidende Spiel um den Gewinn der Meisterschaft sein?

Die Fans des FC St. Pauli werden sich vermutlich nur denken, dessen Probleme möchte ich haben. Keine Frage, sie haben recht. Aber das Leben als FC-Bayern-Fan hat eben andere Herausforderungen und ist um keinen Deut leichter als das Leben eines FC-Pauli-Fans. Es ist nicht einfach, zwischen Champagner schlürfenden Business-Boxen- Besuchern, auf gewärmten VIP-Stühlen, sich bei einem kühlen Bier, über den nächsten Fünf-zu-null-Sieg gegen Darmstadt zu freuen. Glauben Sie mir das. Die Leichtigkeit eines FCB-Fan-Dasein wird deutlich überschätzt.

Aber man kann sich seinen Lieblingsklub eben nicht selbst aussuchen. Man wird in eine Region, in eine soziale Schicht ungefragt hineingeboren und bekommt dann, beinahe wie selbstverständlich, einen Lieblingsverein von seinem herzlieben Großvater vererbt. Und für jemanden, für den der unästhetische Linzer Provinzfußball keine Alternative ist, sondern der nach der Schönheit des Spiel lechzt, bleibt als geografisch nächste Station eben nur München. Nennen Sie mich faul und fremdbestimmt, mein Gott, es ist eben so. Und den Verein einfach zu wechseln, so wie ein Hemd, das funktioniert auch nicht.

Es heißt, je mehr der Mensch von einer Sache hat, desto mehr will er. Sei es beim Geld, sei es beim Erfolg. Ich kann das nicht bestätigen. Ich will als FC-Bayern-Fan nicht mehr Geld, nicht mehr Erfolg, ich will wieder Spannung, Leidenschaft und mehr Anstrengung für den Erfolg sehen. Ich wünsche mir endlich, dass der FC Bayern, jener Verein, den ich unterstütze, wieder Misserfolg hat. Nicht für immer, klar, aber wenigsten einen kurzen Moment lang.

Ich wünsche mir das nicht für die Spieler. Für die kann man nur Respekt zollen. Woche für Woche diese hohe Leistung abzurufen, ohne richtige Gegenwehr, dazu gehört schon Charakter. Vermutlich ist auch das die hohe Kunst des FC-Bayern-Fans, nämlich sich auf die Taktik und die Willensleistung der Spieler zu fokussieren, nicht auf den Erfolg. Denn ansonsten bleibt man gefangen im goldenen Käfig des FCB-Fan-Daseins, mit ernster Mine, irgendwo zwischen dem Konfettiregen der kontinuierlichen Siegesfeiern und der steinernen Fassade jener Bank, auf der die Festgeldkonto-Millionen schlummern.