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Gregory Porter: Ein glaubwürdiger Blues-Prediger

Ausgelassene Begeisterung – so mag man glauben – findet im Alter tendenziell seltener statt. Sollte diese Annahme der Wahrheit entsprechen, dann ist Gregory Porter mit seiner Band eine Ausnahmeerscheinung. Denn er erweckte gestern selbst in verloren geglaubten Seelen loderndes Feuer.

Während der Neue Dom in Linz nur noch mit seiner Architektur imponiert, strahlte der Musiker davor auf der Bühne leidenschaftlich mit seinem Wesen und seiner Musik. Der Gospel- und Soulsänger wirkte wie ein Prediger, er war dabei jedoch nie aufdringlich oder besserwisserisch, sondern stets glaubhaft.

Er sang von Liebe, Frieden und Spirit, Themen mit einem hohen Anspruch, der beim langen Gang durch die Musikindustrie schon einmal verloren gehen kann. Doch Gregory Porter ist seinem Wesen sehr nahe. In seiner Stimme schwingt spürbar Liebe. Er lebt „Mamas Lesson“, wie er es am Beginn seines Auftritts nannte, also die Pflicht, seine Mitmenschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Auch gegenüber seinen Bandkollegen. Er gab ihnen viel Freiraum, er ließ sie selbst zur vollen Blüte gelangen. Er gab ihnen die Möglichkeit, sich als Meister ihrer Kunst zu präsentieren und selbst zu glänzen. Er hob damit das Niveau der musikalischen Gemeinschaft in den Rang der Weltklasse und verteilte den Ruhm fair und gerecht.

Auch wenn sich die Auswahl der Lieder in den letzten zwei Jahren nicht änderte, so ist deren Interpretation nochmals gereift. Sie wurde detailreicher und verspielter. Die Band ist gewachsen, sie resignierte nicht vor der hohen Anzahl an Auftritten – die leicht der lustlosen Routine zum Opfer fallen könnten –, sondern sie nutzte scheinbar diese Gelegenheiten um ihre Kunst zu perfektionieren.

Gregory Porter ist ein Mann von Würde. Er brachte mit seiner Ausstrahlung und seinem voluminösen Blues-Bariton jene von Liebe umhüllte Seele zurück auf den Linzer Domplatz, der in der katholischen Kathedrale von vielen schon tragisch lange vermisst wird.