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Digitalhumanismus

Mit der Digitalisierung von Denkprozessen verschmolz der Kernbereich der menschlichen Persönlichkeit mit den Netzwerken. Soll die Menschenwürde weiter die Wurzel unserer Rechtsordnung bleiben, benötigt es eine radikale Humanisierung der digitalen Gesellschaft. Ein Beitrag von Alexander Sander, Geschäftsführer des Vereins „Digitale Gesellschaft“ in Berlin und Martin Ehrenhauser für Netzpolitik.org.

Der Mensch ist gegenwärtig in der Lage ausschließlich mit der Kraft seiner Gedanken einen Computer zu steuern. In naher Zukunft werden wir wie selbstverständlich mit unseren Gedanken alltägliche Handlungs- und Steuerungsbefehle erteilen. Wir werden Fenster öffnen oder Küchengeräte ein und ausschalten. Die Möglichkeiten sind so vielfältige wie die Anwendungen des Computers selbst.

Bereits jetzt sind Computer in der Lage unsere Gedanken so darzustellen, dass der Mensch sie interpretieren kann. Bei einem wissenschaftlichen Versuch an der Northwestern University in Chicago, erdachten sich Studenten jeweils unabhängig voneinander einen Terrorplan. Zehn von zwölf vermeintliche Terroristen, sowie 20 von 30 kriminalistische Details, konnten alleine durch das scannen ihrer Gehirnaktivitäten identifiziert werden.

Auch wenn das zukünftige Schicksal des Denkens ungewiss ist, verführen derartige wissenschaftliche Versuche zu post-humanistischen Gedankenspielen. Die Phantasie reicht von Gehirnscannern an Grenzübergängen oder Verkehrsknotenpunkten, die jede Auffälligkeit an die Behörden melden, bis hin zu Werbung die direkt in die Köpfe der Menschen eingespielt wird. Man könnte aber auch die visuellen Erlebnisse von Zeugen einer Straftat rekonstruieren oder strafrechtlich relevante Träumereien präventiv Sanktionieren.

Die Digitalisierung ist mit den neurowissenschaftlichen Möglichkeiten – wenngleich derzeit noch sehr rudimentär – in den Kernbereich der menschlichen Persönlichkeit und Privatsphäre vorgedrungen. Denn nichts charakterisiert den Menschen mehr als seine Fähigkeit zu denken und nichts ist privater als seine Gedanken.

Beschleunigt wird dadurch die Verschmelzung der genuinen mit der digitalen Welt. Ein Vorgang, der wohl die wesentlichste formgebende Charaktereigenschaft unserer Zeit ist. Als Konsequenz ergibt sich daraus, dass die Trennlinie zwischen dem Menschen als würdevolles Rechtssubjekt und seinen persönlichen Daten als konsumierbare Objekte an Kontur verliert und in ferner Zukunft vielleicht nicht mehr zu erkennen ist.

Mehr als nur persönliche Daten

Denn was entsteht aus der zunehmenden Digitalisierung der Menschen? Ist die zukünftige Summe der persönlichen Daten eines Menschen immer noch ein Haufen von Objekten? Oder wird daraus mehr, eine Art digitale Persönlichkeit, die sich vom Menschen nicht mehr bezugslos denken lässt?

Bereits heute bildet die Summe der persönlichen Daten und Metadaten die Ergebnisse ihrer Auswertung die wesentliche Grundlage zur Beurteilung eines Menschen: Seien es die Sicherheitsbehörden die daraus ein Gefährdungspotenzial erkennen, die Arbeitgeber die damit die Arbeitsfähigkeit beurteilen oder die Versicherungsunternehmen die Risikostufe ihrer Kunden danach bewerten.

Die Bedeutung steigt, je weiter sich der Mensch in die digitalen Netze hineinweben lässt. Denn wenn wir den Kern unserer Persönlichkeit, unsere Träume, Gedanken, Wünsche und Ängste digitalisieren, dann ist das was im Netz ist, vom Geist der Person beseelt, es ist intim und einzigartig wie eben Gedanken und Phantasien intim und einzigartig nur sein können. Es ist damit unverwechselbar ident mit dem Menschen selbst.

Der Mensch als würdeloses Objekt

Gegenwärtig existiert eine gefährliche Diskrepanz zwischen der normativen Rechtswirklichkeit der genuinen Welt und dem faktischen Rechtsanspruch der Menschen in der digitalen Gesellschaft. Es scheint, als sei die digitale Welt extramundan und der Mensch der sich darin bewegt kein Rechtssubjekt, sondern lediglich ein Datenobjekt, das sich gemäß den Bedürfnissen der Ökonomie und Politik automatisiert von der anonymen Welt der Rechner analysieren, vorhersagen, verkaufen, kontrollieren und überwachen lässt.

Werden wir in Zukunft dieser Logik des Exzeptionalismus weiter folgen, werden wir nicht nur die Grundrechte weiter unterminieren, sondern auch die Würde des Menschen, die Wurzel unser aller Rechtsordnung, untergraben. Denn „was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalentes, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“, so Immanuel Kant. Der Mensch ist daher „Zweck an sich selbst“ und darf nie als ein Objekt, als bloßes Mittel gebraucht werden.

Doch dann, wenn die digitale Persönlichkeit in seiner Bedeutung zur physischen Persönlichkeit anschließt, erstere jedoch weiter als fremdbestimmtes Objekt mit einem Preis gehandelt wird, dann stellt dieser Umgang an einem gewissen Punkt in der Zukunft die Subjektqualität des Menschen prinzipiell in Frage. Auch eine Abwägung nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes oder nach einem einfachen Kosten-Nutzen-Prinzip wäre nicht mehr möglich. Denn die Menschenwürde hat keinen Preis, sie ist über jeden Preis erhaben.

Eine digitalhumanistische Wende

Ein radikales Umdenken ist daher notwenig. Und wenn die Digitalisierung des Menschen irreversibel ist, kann die einzige Lösung nur der rigorosen Humanisierung der Struktur und Kultur der digitalen Gesellschaft sein. Eine Art digitalhumanistische Wende die den technischen Fortschritt streng dem Ziel der Pflege der Menschenwürde unterordnet.

Dabei müssen etwa institutionalisierte Begrifflichkeiten neu gedacht werden. So ist etwa der Rechtsbegriff „persönliche Daten“ nicht mehr tauglich um dem Wesenscharakter der digitalen Persönlichkeit gerecht zu werden. Der Begriff stellt sich eher in den Dienst der Verwertbarkeit, anstatt er die Vernunft und Menschlichkeit zur Besinnung weckt.

Der Begriff fördert die Entmenschlichung in der alltäglichen Arbeit. Jemand der mit „persönlichen Daten“ arbeitet, wird die menschliche Würde dahinter nicht in der Form erkennen, wie jemand dem Träume und Gedanken anvertraut wurden. Gegenüber „persönlichen Daten“ verspürt man keine soziale Verpflichtung oder emotionale Bindung. Zu leicht teilt und zerlegt man diese in kleine bezugslose und würdelose Bausteine.

Die digitale Persönlichkeit kann nicht mehr in einzelnen Objekten betrachtet werden, sondern in seiner Gesamtheit mit Würde und als wesentlicher Teil des Menschen. Das neu Erdachte sollte Menschen, die mit persönlichen Daten arbeiten, dazu anleiten, einer Ethik zu folgen, ähnlich wie Ärzte sie haben. Man sollte die digitale Persönlichkeit als Organ erkennen, als „Sozialorgan“ des Menschen und genauso behutsam damit umgehen wie man es von Ärzten gegenüber ihren Patienten einfordert.

Diese Vorstellung muss sich als internationales Leitbild etablieren und die Kultur sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft konstruieren. Bei jedem Gesetz das für den digitalen Raum formuliert wird, bei öffentlichen Förderungen, bei jeder Technik die erforscht, produziert und vertrieben wird muss die Würde des Menschen als Zielvorgabe dienen. Denn wenn die neue Struktur und Kultur zur Zerstörung der Menschenwürde führt, dann ist das was wir technischen Fortschritt nennen, ein moralischer Rückschritt.