Tag-Archiv für: Energie

Unvereinbarkeitsgrenzen

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Bei Ernst Strasser ging es um Geld für Änderungsanträge. Und beim ÖVP-EU-Abgeordneten Paul Rübig? Der Oberösterreicher bekommt Entgelt für seine Nebentätigkeit bei der Wirtschaftskammer (WKO). Die WKO sponsert darüber hinaus einen parlamentarischen Mitarbeiter in seinem Büro. Und, ja genau, Paul Rübig reicht Änderungsanträge ein und die Wirtschaftskammer definiert sie auf ihrer Internetseite als ihre eigenen. Eine Vorgangsweise, die im dunklen österreichischen Nationalrat auf der Tagesordnung steht. Gemessen jedoch an fortschrittlichen internationalen Standards, wird der Bereich von potenziellen Interessenskonflikten bis weit an die Grenze zur Unvereinbarkeit ausgedehnt. Doch damit nicht genug.


Rübig ist Mitglied im Energieausschuss des EU-Parlaments. „Österreichs E-Wirtschaft“, die laut Selbstbeschreibung „Brancheninteressen gegenüber Politik“ durch „aktive, präsente und schlagkräftige Lobbying-Arbeit“ vertritt, finanziert einen parlamentarischen Mitarbeiter im Büro Rübig. Darüber hinaus hat sein von ihm gegründetes Unternehmen „Probig“ auch Kunden aus der Energiewirtschaft, zum Beispiel die OMV. In seiner politischen Arbeit stellt er dann parlamentarische Anfragen in Bezug auf die negativen Auswirkung durch die umweltgerechte Gestaltung von energiebetriebenen Produkten, nimmt bei Dinner-Debatten teil, gesponsert von AREVA, dem Weltmarktführer in Nukleartechnik, und unterstützt das OMV-Projekt Nabucco. Ein solches Engagement verlangt natürlich zurückhaltenden Pragmatismus beim Thema Energiewende: Die „Politik der kleinen Schritte habe sich bewährt, „ein Sprung in die falsche Richtung könne dagegen in die Katastrophe führen, so Rübig.


Die Vermengung von Kunden- und Lobbyinteressen mit politischer Arbeit ist im Fall Rübig naheliegend. Doch damit ist er nicht alleine. „Corporate Europe Observatory“ hat die Nebentätigkeiten weiterer EU-Abgeordneten durchleuchtet. Das Ergebnis: Rund 35 Prozent haben einen Zweitjob oder zusätzliche Einnahmequellen. 14 Prozent der untersuchten Fälle haben das „Potenzial“ für einen handfesten „Interessenskonflikt“. Besonders hervorgehoben wurde dabei auch Paul Rübig. Eine Arbeitsgruppe des EU-Parlaments erarbeitet derzeit einen „Code of Conduct“ für EU-Abgeordnete. Eine Reaktion auf den Fall Strasser und Co. Wichtig wäre eine Genehmigungspflicht für Nebentätigkeiten und volle Transparenz. Sprich, die Höhe der Einkommen, die Herkunft und die dafür erbrachte Leistung müssen genau deklariert werden. Auf die Ergebnisse, die herauskommen wenn sich EU-Abgeordnete selbst regulieren, darf man gespannt sein.


Überlebensfähig

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Sudan, das größtes Land Afrikas. Zwei Millionen Menschen starben in einem über Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg zwischen dem reichen, muslimisch dominierten Zentrum im Norden und der armen, großteils christlichen Peripherie im Süden. Nun ruhen alle langfristigen Friedenshoffnungen auf der Unabhängigkeit. Das 2005 unterzeichnete Comprehensive Peace Agreement (CPA) sah für diese Entscheidung ein Referendum vor. Rund 3,9 Millionen Menschen registrierten sich für die Teilnahme. Am Samstag endete die Wahl. Sie ging friedlich und gut geordnet vonstatten. Auch wenn das offizielle Endergebnis erst am 14. Februar verkündet wird, eine eindeutige Mehrheit für die Sezession zeichnet sich bereits jetzt ab. Am 9. Juli 2011 wird daher höchstwahrscheinlich der 54igste afrikanische Staat geboren.


Überlebensfähig

Es gibt unzählig Gründe die für das Scheitern des Süd-Sudans sprechen. Zum Beispiel sind die großen Konflikte zwischen Juba und Khartum über Grenzverlauf, Staatsbürgerschaft, Schulden, Öl und Wasser noch immer ungelöst. Trotzdem, eine erfolgreiche Unabhängigkeit ist möglich. Wasser, Grünflächen, Öl und vieles mehr ist ausreichend vorhanden. Und: “Seit dem Friedensabkommen 2005 hat sich der Süden zu einer relativ stabilen und sicheren Region entwickelt”, bestätigt David Gressly von der UN. Seit 2005 leitet er die UN-Mission in Juba. Natürlich wirbt er mit solchen Aussagen auch für seine Arbeit. Trotzdem, die Konflikte zwischen 26 bewaffneten Gruppen sind derzeit befriedet. Darauf lässt sich weiter aufbauen. Eine Alternative zum Glauben an die Überlebensfähigkeit gibt es nicht.


Entschuldung

Ein Großteil des Erfolges liegt in der Hand der Internationalen Gemeinschaft. Auch Österreich ist gefordert, zum Beispiel bei der Entschuldung. Derzeit betragen die Gesamtschulden Sudans bei der österreichischen Regierung 2,2 Milliarden US-Dollar. Über 80 Prozent dieser Summe sind durch Strafzinsen entstanden. Österreich ist damit der drittgrößte Gläubiger Sudans und der größte im Pariser Club. Laut BIZ-Statistik vom Dezember 2010 haben österreichische Banken keine Forderungen gegenüber dem Sudan. Nach Auskunft des Finanzministeriums gehen die Schulden auf bundesgarantierte Exportgeschäfte für zivile Infrastrukturprojekte aus den 1970iger Jahren zurück. Ein Angebot zur Entschuldung von Seiten des Außenministeriums gibt es bereits. Eine zielorientierte und konsequente Umsetzung in Abstimmung mit den restlichen EU-Mitgliedstaaten ist jedoch nicht in Sicht.


EU-Strategielosigkeit

Seit 2005 unterstützte die EU den Sudan mit 665 Millionen Euro für Entwicklungshilfe und nochmals mit 779 Millionen Euro für Humanitäre Hilfe seit 2003. Die EU ist damit einer der größten Geldgeber. Der oftmals kritisierte Zustand der EU-Außenpolitik trifft jedoch auch in dieser Region zu. Es existiert keine gemeinsame Strategie. Das Referendum ist daher eine einzigartige Möglichkeit für die EU eine gemeinsame Strategie für beide sudanesische Länder zu finden. Immerhin: Eine Task Force wurde eingerichtet und Rosalind Marsden, die ehemalige britische Botschafterin im Sudan, wurde als EU Special Representative nominiert.


Cotonou-Patt

Die EU ist auch weiter finanziell gefordert. Ein großer Hemmschuh dabei: Khartoum hat beschlossen die revidierte Version des Cotonou-Abkommens nicht zu unterzeichnen. Artikel 11.6 fordert, Schritte zur Ratifizierung und Implementierung des Rom-Statutes zu unternehmen. Jedoch liegt seit Juli 2008 gegen Präsident Omar al-Bashir ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) wegen Kriegsverbrechen in Darfur vor. Eine Ratifizierung ist daher auch in Zukunft unwahrscheinlich. Durch die Nicht-Ratifizierung verhindert eine Pattstellung die Auszahlung von rund 350 Millionen Euro aus dem 10ten European Development Fund (EDF). Opfer sind die Süd-Sudanesen. Doch zahlt die EU die Gelder aus, untergräbt sie die Legitimität des IStGH. Derzeit werden daher nur Reste aus dem 9ten EDF ausbezahlt. Das ist keine Lösung auf Dauer. Der Süd-Sudan sollte daher so rasch als möglich eigenständig ratifizieren. Aber auch dabei wird die Internationale Gemeinschaft Hilfestellung leisten müssen.



ZurPolitik.com: Der Süd-Sudan ist überlebensfähig, 18. Jänner 2011

ABC News: South Sudan vote backs secession, 17. Jänner 2011

Voice of America: Vote Counting Begins in Sudan Referendum, 16. Jänner 2011

OTS: M. Ehrenhauser (Liste Martin) über Referendum im Sudan: “Überwiegend friedlich und gut organisiert”, 17. Jänner 2011

Rede im Plenum des Europäischen Parlaments in Brüssel, 2. Februar 2011

Unabhängigkeitsreferendum

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Jahrzehnte lang tobte im Sudan ein Bürgerkrieg zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden. Alleine in den letzten 22 Kriegsjahren starben rund zwei Millionen Menschen. Weitere zwei Millionen flüchteten. 2005 wurde der Konflikt mit einem Friedensabkommen beigelegt. Vereinbart wurde darin ein Referendum über die Abspaltung des Südens. Vom 9. bis zum 15. Jänner werden nun 3,9 Millionen registrierte Wähler in rund 3.000 Wahllokalen über die Sezession entscheiden. Sudan ist in diesen Tagen der Brennpunkt der internationalen Politik. Insgesamt 3.100 nationale und 650 internationale Wahlbeobachter werden über Wochen den Prozess begleiten. Auch ich reise mit einer Delegation des EU-Parlaments als einer von 110 EU-Wahlbeobachtern in den größten afrikanischen Staat.


Ein Gefahrenpotenzial für neue kriegerische Auseinandersetzungen ist trotz internationaler Präsenz vorhanden. Allgemein wird die Sicherheitslage im Sudan jedoch derzeit mit “business as usual” beschrieben. Grund dafür sind nicht zuletzt die versöhnlichen Aussagen des sudanesischen Staatschefs Omar al-Baschir. Der wegen Kriegsverbrechen in Darfur per Haftbefehl vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesuchte Machthaber ist bemüht um Beruhigung der Situation. Man werde dem südlichen Landesteil im Fall einer Sezession helfen, einen „sicheren und stabilen Bruderstaat“ aufzubauen, sagte Bashir noch vor wenigen Tagen. Und weiter: „Heute sagen wir unseren Brüdern im Süden: Die Entscheidung liegt bei euch. Wählt ihr die Einheit, seid ihr willkommen. Wählt ihr die Sezession, seid ihr ebenso willkommen!“


Letzteres ist am wahrscheinlichsten. Vergangene Woche veröffentlichte die Sudan Tribune eine Umfrage, wonach sich 97 Prozent für die Sezession aussprechen. Sehr wahrscheinlich entsteht also der 193igste Staat mit einer Fläche so groß wie Frankreich und mit rund acht Millionen Einwohnern. Im Gegensatz zum Norden ist die Überlebensfähigkeit des Südens jedoch ungewiss. Ohne Infrastruktur, mit einer hohen Analphabetenrate und belastet mit unzähligen internen Konflikten wird die Existenz nicht alleine von internationalen Entwicklungsgeldern abhängig sein.


* Am 17. Jänner wird bei einer Pressekonferenz in Juba das Ergebnis der EU Election Observation Mission (EU EOM) verkündet.

** Die Kosten von rund 372 Millionen Dollar für das Referendum werden von der sudanesischen Regierung sowie Spender und der UNO getragen.

*** 90 Prozent der Südsudanesen leben von einem US-Dollar täglich.


(E)U-Boot

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Mangelnde Transparenz kann man dem britischen EU-Abgeordneten Giles Chichester kaum vorwerfen, zumindest nicht in Bezug auf seine 2007 abgegebene Deklaration der finanziellen Interessen. Darin listet Chichester neben seinen Firmenbeteiligungen auch Konferenzteilnahmen und Opernbesuche auf. Eine Einladung zum Tennisturnier nach Wimbledon wird auch erwähnt. Alles auf Kosten von Firmen wie Imperial Tobacco, dem Energieriesen RWE oder der Waffenlobby-Organisation ASD, mit Mitgliedern wie BAE-Systems oder EADS.


Faksimile: Mit Ehefrau und Tabakindustrie zum Finale

Faksimile: Mit Ehefrau und Tabakindustrie zum Finale


Von 2004 bis 2007 war Giles Chichester als Vorsitzender des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie ein begehrtes Lobbyingobjekt. Auch seine Funktion als Präsident des Europäischen Energieforums (EEF) sorgte für Andrang. Die Vereinigung von EU-Abgeordneten und Großkonzernen wie BP, Siemens oder Vattenfall soll für ein “besseren Verständnis von Energie” sorgen. Corporate Europe Observatory bezeichnete sie als “U-Boot der Energieindustrie” im EU-Parlament.


Faksimile: Einladungen von Energie- und Rüstungslobby

Faksimile: Einladungen von Energie- und Rüstungslobby


Auf Einladung von AREVA, Hersteller von nahezu einem Drittel der weltweit laufenden Leichtwasser-Atomreaktoren, reiste er dann zum America’s Cup nach Valencia, dem weltweit größten Segelsportspektakel. In Chichesters jüngsten finanziellen Erklärung finden sich keine Einladungen von großen Konzernen mehr. Vielleicht weil er mit dem Verlust des Vorsitzes im Industrieausschuss an Attraktivität verloren hat. Trotzdem, Chichester war 2007 mit seinen offenen Angaben eher die Ausnahme als die Regel.


Faksimile: Mit der Atomlobby zum America's Cup

Faksimile: Mit der Atomlobby zum America's Cup


Fakisimile: Temelin-Besuch mit zwei Gratis Nächten in Prag

Fakisimile: Temelin-Besuch mit zwei Gratis Nächten in Prag


Nabucco

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Guiseppe Verdis Nabucco war bekanntlich sein erster großer Opernerfolg in Mailand. 167 Jahre nach der Uraufführung darf man wohl zweifellos von einem nachhaltigen Erfolg sprechen. Und da Verdi noch immer elektrisiert, tauften die Vertreter des damaligen Konsortiums, nach einem klangvollen Abend an der Wiener Staatsoper, ihr Erdgaspipelineprojekt Nabucco.


Im Gleichklang mit dem neuen italienischen-russischen Konkurrenzprojekt “South Stream“, läuft das Energie-Projekt nun Gefahr zu einem 7,9 Mrd. teuren Ladenhüter zu verkommen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass der vermeintlich grüne Joschka Fischer mit RWE und OMV einen sechsstelligen Lobbyingvertrag unterzeichnet hat, dann klingt die Gesamtkomposition eher wie ein vermeidbarer Popsong für einen oligopolistischen Markt, als eine Symphonie aus Sparsamkeit und Nachhaltigkeit.


Denn in den nächsten Jahren wird Strom aus Sonnenenergie deutlich billiger als jener aus Erdgas. Und mit den gesamten Investitionskosten könnte man 8.000 Megawatt Windenergie beziehen, ausreichend um zum Bespiel sämtliche österreichische Haushalte zu versorgen. Die EU stellt trotzdem 250 Millionen Euro Steuergeld für das Projekt zur Verfügung.


Sollten nun neue iranische und irakische Erdgasvorkommen für Europa erschlossen werden, dann wird es uns schlussendlich ergehen wie Guiseppe Verdi. Er ist nach seinem Nabucco-Projekt jahrelang nicht mehr zur Ruhe gekommen. Denn nachhaltige Energiediversifizierung sieht anderes aus.

 

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