Nur Mut, Bürger: Schafft die Oligarchie der Gläubiger ab!

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Die Krisenpolitik in Europa hat bisher versagt. Die Politik müsste ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Finanzsektor wiederherstellen. Ein Gastkommentar von Martin Ehrenhauser für die Tageszeitung “Die Presse”.


Die Bürger Europas haben ihre Funktion als Souverän verloren. Die Krisenpolitik in Europa dient alleine den Interessen der wenigen vermögenden Gläubiger. Denn die Verluste für faule Kredite und Spekulationen zahlen die Bürger: Steuern werden erhöht, das Gesundheitssystem abgebaut, Sozialleistungen gekürzt und Infrastruktur verkauft. Die Verluste werden verstaatlicht, die Gewinne bleiben privatisiert.


Das Ergebnis dieser Politik: Die Schere zwischen Arm und Reich driftet weiter auseinander. Laut der Unternehmensberatung „Boston ConsultingGroup“ besitzt die vermögende Privatbankenkundschaft weltweit Bargeld, Aktien, Wertpapiere oder Fondsanteile im Wert von 122 Billionen Dollar und damit 20 Billionen Dollar mehr als zum Tiefpunkt der Finanzkrise, schreibt „Die Zeit“.


Auch die Arbeitslosigkeit steigt weiter, in Spanien zwischen Ende 2006 und Herbst 2011 von 8,3 Prozent auf 22,8Prozent. Hinzu kommt ein massiver Anstieg der Staatsschulden: gemessen in Prozent des Bruttoinlandprodukts innerhalb der EU zwischen 2005 und 2010 von 62,8 auf 80,3 Prozent.


Brandstifter als Feuerwehr
Getrieben wird die Gläubigerpolitik von einer engen Verflechtung zwischen Finanzindustrie und Politik – und einer EU, die ihren demokratischen Legitimationsrahmen bis zur letzten Nuance überspannt hat. Alleine im EU-Viertel füttern rund 2000 Lobbying-Organisationen auf Kapitalseite und lediglich 50 auf Arbeitnehmerseite hunderte undurchsichtige Arbeits- und Expertengruppen mit Wissen – etwa die achtköpfige „De Larosière“-Gruppe der EU-Kommission, die zur Bewältigung der Finanzkrise Ende 2008 eingerichtet wurde.


Damit wurden die Brandstifter zur Feuerwehr gemacht, denn fünf der acht Mitglieder kamen aus dem privaten Finanzsektor. Das Ergebnis wurde dann nach lediglich zweiwöchiger Beratung von der EU-Kommission als Lösung für die Finanzkrise präsentiert.


Was tun? Erstens müssen wir die Unabhängigkeit der Politik gegenüber dem Finanzsektor wiederherstellen. Die wesentliche Frage ist dabei: Wer regiert das Geld? Denn ob Sozial-, Verkehrs-, Gesundheits- oder Verteidigungspolitik, der wesentliche Erfolgsfaktor ist die Verfügbarkeit von Geld.


Damit man von einer funktionierenden Demokratie sprechen kann, ist es also notwendig, dass die Gemeinschaft die Handlungshoheit über die Entstehung des Geldes, sprich über die Geldschöpfung besitzt. Derzeit haben wir jedoch bis zu 95 Prozent privates Bankengeld. Denn Zentralbanken bringen im Wesentlichen nur noch das Bargeld in Umlauf, das, je nach Staat, fünf bis 20 Prozent der Geldmenge ausmacht. Der Rest von 80 bis 95 Prozent zirkuliert inzwischen bargeldlos und wird von den Banken in Umlauf gesetzt: per Kredit als Guthaben auf den Girokonten der Kunden. Diese Geldschöpfung durch die Banken führt zum Entzug der staatlichen Kontrolle über die Geldmenge und zwangsweise zur Übersteigerung von Konjunktur- und Börsenzyklen samt nachfolgenden Krisen sowie zur Ausweitung der Verschuldung.


Denn wenn Geld durch Kredit entsteht, kann die Rückzahlung der verzinsten Geldschuld nur durch weitere Kredite getätigt werden, so der Exportkaufmann Günther Hoppenberger in seinem Essay „Ein Geldzyklus geht zu Ende“. Ein solches System kennt nur einen Gewinner: die Gläubiger. Es ist nicht mit der Demokratie vereinbar.


Als geeigneten Lösungsvorschlag hat der Wirtschaftssoziologe Joseph Huber von der Martin-Luther-Universität in Halle das Konzept der „Monetative“ erarbeitet. Sein Vollgeldkonzept zielt darauf ab, die Giralgeldschöpfung zu beenden und Geldschöpfung in eine vierte, unabhängige staatliche Instanz zu legen, der Monetative.


Zwitterdasein der Zentralbanken
Die Zentralbanken beenden dabei ihr Zwitterdasein als teilkommerzialisierte Banken und werden wieder die oberste staatliche Geld- und Währungsinstanz. Die bisherigen Girokonten der Kunden werden aus der Bankenbilanz herausgelöst und separat als Geldkonten in eigenem Recht geführt. Das neu geschöpfte Geld wird zinslos der Regierung überlassen, die das Geld durch öffentliche Ausgaben in Umlauf bringt.


Die Geschäftsbanken könnten dabei weiter an den Finanzmärkten frei im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften agieren. Die Übersteuerung von Konjunktur und Börsenzyklen würden moderater verlaufen. Die Staaten müssten sich nicht mehr bei den Banken verschulden und die öffentlichen Haushalte kämen in den Genuss des Geldschöpfungsgewinns; in Österreich bis zu neun Milliarden Euro jährlich bei drei Prozent Wirtschaftswachstum.


Damit könnte man Staatsschulden abbauen oder europaweit mehr als den gesamten EU-Haushalt finanzieren. Der Wegfall des Geldschöpfungsgewinns für die Banken wäre zwar „erheblich“, aber nicht „existenzgefährdend“, so Professor Huber.


Bürger wieder als Souverän
Zweitens müssen wir die gerechte Verteilung des Vermögens bewirken, etwa durch Einführung einer europaweiten Finanztransaktionssteuer. Bereits mit einem Steuersatz von 0,05 Prozent könnten jährlich rund 200 Milliarden Euro in der EU eingenommen werden. Zum Vergleich: Der jährliche Schaden durch Steuerbetrug und Steuerhinterziehung wird auf 200 bis 250 Milliarden Euro geschätzt.


Neben einer Erbschafts- und Schenkungssteuer könnte eine Vermögensteuer von 0,5 Prozent auf Vermögen von über einer Million Euro pro Haushalt realistisch weitere drei Milliarden Euro jährlich alleine in Österreich ermöglichen, so die Arbeiterkammer Oberösterreich.


Drittens sollte durch eine Demokratiereform dem Bürger als Souverän wieder die Staatsgewalt übertragen werden. Dafür unabdingbar wäre der massive Ausbau direktdemokratischer Elemente sowie der Rechte der Parlamente.


Denn auch wenn das Mitentscheidungsverfahren mit dem Vertrag von Lissabon auf 72 Rechtsgrundlagen ausgeweitet wurde, gibt es bei 48 Rechtsgrundlagen weiterhin nur Anhörungsrecht und bei 22 Rechtsgrundlagen keine Einbindung des EU-Parlaments. Auch braucht es ein Initiativrecht für das Europa-Parlament, einen direkt gewählten EU-Präsidenten und eine obligatorische Bürgerinitiative.


Politischer Wille ist gefordert
Auf nationaler Ebene muss der politische Wettbewerb fair gestaltet werden. Neben der Umgestaltung einer Wahlwerbekostenregelung sollte es für alle wahlwerbenden Gruppen die gleiche Anzahl an Plakatflächen sowie gleiche Fernsehzeit für ihre Werbespots im öffentlich-rechtlichen TV geben.


Alle diese Vorschläge sind nicht neu. Um sie zu verwirklichen, braucht es politischen Willen, gesteuert und gefordert von aktiven Bürgern. Nur die Zivilgesellschaft ist in der Lage, glaubhaft moralische Kritik zu üben. Aus ihr heraus muss sich eine neue, politische Gruppierung finden, die durch ihre Unabhängigkeit gegenüber Finanzindustrie, Großkonzernen und dubiosen Spendern die notwendigen Reformen bewirken kann. Nur Mut, Bürger!



Die Presse: Nur Mut, Bürger: Schafft die Oligarchie der Gläubiger ab!, 14.01.2012.

7 Comments

  1. rosemarie eberl
    Posted 15 January 2012 , | Permalink

    Danke Herr Ehrenhauser.
    Ich habe nur wenig Hoffnung, dass die Politik willens ist, hier in diese Richtung
    etwas zu bewegen. Es bedarf wie von Ihnen gefordert mündige und aktive Bürger.
    Da beginnt bereits mein Problem! Wo ist die Plattform dafür? Ich fordere Sie auf eine zu schaffen. Meine Unterstützung hätten Sie. Geredet wurde genug. Jetzt müssen Taten folgen.

  2. Administrator
    Posted 16 January 2012 , | Permalink

    Sehr geehrte Frau Eberl,

    Danke für Ihren Kommentar. Sie haben vollkommen Recht. Für eine Bewegung braucht es mündige und aktive Bürger, die ihre Verantwortung als Souverän auch wahr nehmen. Unser Bürgerbüro in Wien hat sich schon zu einer Schnitt- und Vernetzungsstelle für aktive BürgerInnen entwickelt. Hier treffen sich regelmäßig die verschiedensten zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und Organisationen und vernetzen sich dort auch. Wenn Sie im Raum Wien sind, setzen Sie sich doch mit dem Bürgerbüro in Verbindung:
    Bürgerbüro Martin Ehrenhauser
    Garnisongasse 22
    1090 Wien
    Tel: 01 406 18 23
    oder Sie schreiben uns unter: office@ehrenhauser.at
    Wir würden uns freuen, von Ihnen zu hören!

    Robert Sabitzer
    Bürgerbüro Martin Ehrenhauser

  3. Wolf
    Posted 16 January 2012 , | Permalink

    Ihr Argumentiert mir beide zu abstrakt und akademisch. Schade, weil hier hättet Ihr die Möglichkeit ein breites Publikum zu überzeugen. Hoffe ich zumindest nach dem sehr guten Artikel in der Presse (14/15.01.12)

    Darum mit anderen Worten von mir: Geld kommt nur als Schuld in den Kreislauf. Die Notenbank “produziert” den Geldschein ( wir nehmen der Einfachheit an es gäbe nur die Möglichkeit in Form von Papiergeld ). Diesen frischen Hunderter verkauft die Notenbank an eine Geschäftsbank. Die wiederum gibt das Schuldverhältnis ( Kreditvergabe ) weiter und verdient am Zinsaufschlag. Der Preis für die “Ware Geld” ist der Zins. Später findet dieser Hunderter den Weg zurück zur Bank weil jemand in der Realwirtschaft ein Geschäft gemacht hat, das Zahlungsmittel Geld wurde “real verdient”. Diesen Verdienst / Gewinn bringt der Glückliche zur Bank und legt es zu Sparzwecken an. Stellt es also der Bank zur Verfügung damit es wieder Zinsbringend in den Kreislauf eingeschleust wird.
    Weil dieser Glückliche tüchtig ist oder in eine reiche Familie hineingeboren, holt er das bei der Bank angelegte Geld nie ab, lässt es eine Generation oder länger dort mit Zins und Zinseszins liegen.

  4. Wolf
    Posted 16 January 2012 , | Permalink

    So vermehrt sich die Guthabenseite von selbst ohne Arbeit. ( Beliebig für jeden am Taschenrechner nachzurechnen; z.B. Betrag X 10 Jahre hindurch mit 7% ) Arbeiten muss ein Anderer, der Kreditnehmer, damit das unendliche Wachstum finanziert wird. Wir sehen also Schulden kann man nicht wegsparen! Schulden können nur verlagert werden indem der scharze Peter weitergegeben wird. Nun sind wir aber im Finale angekommen wo die aufgetürmten Schulden von der Realwirtschaft einfach nicht mehr zu stemmen sind.
    Inflation wird am Ende die Lösung sein. Bis dahin wirds noch einige Monate, eher 2-5 Jahre dauern. Kommt ganz darauf an, wie lange das blöde Volk sich noch verarschen lässt. Wenn alle so tun wie ich und ihr ” Guthaben” abheben und davontragen und sich was wirklich Reales Wertbeständiges dafür anschaffen, dann ist sehr schnell Schluss mit lustig. Noch aber ist die Mehrheit so blöd und zahlt sogar 10- Euro Beträge an der Supermarktkassa ( sehr cool ) mit Bankomatkarte. All diesen Trotteln wünsche ich dass der Bankomat einmal für nur eine Woche kein Bargeld mehr ausspuckt und die unbare Zahlweise überall verweigert wird, die Bankschalter geschlossen bleiben und die Leute nicht an Ihre Ersparnisse ( so welche vorhanden sind ) herankommen.

  5. Günther Hoppenberger
    Posted 16 January 2012 , | Permalink

    Sehr geehrter “Wolf”,
    vielen Dank für Ihren Kommentar, der zeigt, dass Sie sich schon eingehend mit der Problematik beschäftigt haben und sich in Ihrer “Analyse” in die richtige Richtung bewegen. Genau darum geht es, die Bürger zum Nachdenken aufzurütteln, nicht sie von etwas zu überzeugen. Es geht uns in erster Linie darum,aus verschiedenen Blickwinkeln aufzuzeigen, dass das bestehende System weder für Nachhaltigkeit, noch für eine weitergehende demokratische Gesellschaftsentwicklung geeignet ist und auf verschiedene, bereits verfügbare Lösungsansätze zu verweisen. Ihren Vorhalt, in der Argumentation zu akademisch zu sein, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. Gerne kann ich Ihnen jedoch einen weiteren Gedankenaustausch zum Geldsystem – auch mit einigen Berichtigungen zu Ihren (nicht ganz korrekten) Darstellungen anbieten, wenn Sie das wünschen. Mein e-mail: hoppenberger@aon.at

  6. Posted 16 January 2012 , | Permalink

    Das wäre ein Wahnsinn, wenn nur eine Woche lang die Bankomaten und die Kreditkarten ausfielen…
    Die Betreiber der Kreditkartenfirmen wollen alles bargeldlos abwickeln; selbst die kleinsten Transaktionen am Maronistand.
    Kein Wunder, dass meine 2001 gestartete BI für 1 u 2 Eurobanknoten samt 11.000 Unterschriften in einer Schublade des Parlamentes friedlich schläft…

  7. Rommer Herbert
    Posted 17 January 2012 , | Permalink

    Meine Unterstützung haben Sie.

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