BlogGeldschöpfung

Am Beispiel Zypern

Dass Schulden nur zwischen den Sektoren Staat, Haushalte, Unternehmen – und nicht zuletzt Exporten verschoben werden können, sollte mittlerweile erkannt worden sein. Das Augenmerk muss auf die Gesamtverschuldung gerichtet werden. Ein Gastkommentar von Dr. Günther Hoppenberger.

Wissen unsere Welteliten eigentlich noch, was sie gesellschaftspolitisch anrichten? In ihrem abgehobenen Ringen unter Ihresgleichen und auf egomanischer Suche nach Selbst- und Fremdbestätigung werden die Bevölkerungen in immer schwerwiegendere Abhängigkeiten getrieben. Die nicht mehr lange auf sich warten lassende Entladung der aufgestauten Frustration wird dann ein Mal mehr als schuldhafter Terror der extremistischen Massen interpretiert werden.

Gesellschaftspolitik ist Geldpolitik und die beginnt bei der Konstruktion eines Geldsystems, das den Menschen in der Entwicklung ihres wirtschaftlichen Austauschverhaltens dient. Eines Geldsystems, das eine ausgewogene Wohlstandsverteilung ermöglicht und in der immer noch ausreichend Spielraum für die Abbildung unterschiedlicher Leistungen in der Schaffung gemeinwohlorientierter Werte besteht.

Im Monetarismus heutiger Prägung bedeutet monetärer „Erfolg“ – und anderes zählt nicht – grundsätzlich, auf Kosten anderer zu leben. Ebensowenig wie alle Unternehmen Gewinne machen können, ohne dass sich die Gesamtverschuldung erhöht, können nicht alle Länder Exportüberschüsse erzielen, oder alle gleichermaßen wettbewerbsfähig sein. Von Gleichgewichten zu träumen, wenn die vermeintlich unantastbaren systemischen Grundlagen nach Ungleichgewichten und steigender Gesamtverschuldung verlangen, trägt nicht unbedingt zur Problemlösung bei.

Dass Schulden nur zwischen den Sektoren Staat, Haushalte, Unternehmen – und nicht zuletzt Exporten verschoben werden können, sollte mittlerweile erkannt worden sein. Tilgen kann man Schulden immer nur, wenn man Guthaben auflöst. Das zypriotische Parlament lehnte es gerade ab, das auf direktem Weg zu tun. Der bislang von der EU gewählte indirekte Weg ist jedoch viel perfider, weil er primär die Schulden des Staatssektors steigert, die wiederum nur durch „Sparen“ (=Vorenthalten von Einkommensmöglichkeiten), Steuer- und Gebührenerhöhungen, wie auch durch weitere Exportsteigerungen, auf die anderen Sektoren übertragen werden müssen. Nicht zuletzt droht dann der totale Ausverkauf, der aber zugleich auch die restlichen Einnahmemöglichkeiten des Staates privatisiert und die Bevölkerungen in gewinnorientierte Abhängigkeiten stürzt. Ein Teufelskreis, der sich als (gewaltfrei) unlösbares Dilemma manifestiert.

Den Sparern ist ja kaum bewusst, dass sie Gläubiger der Banken sind, weil ihre positiven Zahlen auf Konten und Sparbüchern kein Geld, sondern nur Forderungen auf Geld sind. Auf Geld, das längst verzockt wurde und bei wenigen Großanlegern landete. Im einfachsten Fall bei Haltern von Staatsanleihen, die auf Erfüllung ihrer Forderungen pochen. Der ins Auge gefasste Griff nach dem Ersparten, also die Schwächung der Gläubigerpositionen der breiten Masse, würde zusammen mit den für Zypern dann zugesagten EU-Steuermitteln dazu dienen, die Forderungen der Anleger zu bedienen und den Banken zu ermöglichen, weitere Finanzprodukte zu verkaufen. Die Umverteilung von unten nach oben geht also nach der einen, wie der anderen Vorgangsweise munter weiter. Das System hat uns in eine ausweglose Situation geführt, weil nicht erkannt wurde, dass dieses System nie auf Nachhaltigkeit und ausgewogene Wohlstandsmehrung ausgelegt war und wir spätestens ab Mitte der 80er Jahre einen Systemwechsel hätten vornehmen müssen.

Die mangelnde Einsicht, dass sich die politische Ökonomie durch starres Festhalten an einem mittlerweile versagenden System, das nur als Impuls zur Entwicklung von Volkswirtschaften konzipiert wurde, in eine Sackgasse manövriert hat, lässt für die nahe Zukunft nichts gutes erwarten. Der Kern des Problems könnte leichter durchschaubar werden, würde man das Augenmerk auf die Gesamtverschuldung richten und sich nicht nur an der Verschuldung des Staatssektors festkrallen.

Es bleibt zu hoffen, dass uns und den Folgegenerationen die „Problemlösungen“ der Vergangenheit (Krieg, Zerstörung, Not und Elend – danach funktioniert unser System ja wieder) erspart bleiben. Derzeitige Entwicklungen nähren die Zweifel.

Über den Autor:
Dr. Günther Hoppenberger (geb. 1944, Wien), Chemiker und Exportkaufmann, Im Osteuropageschäft für multinationale Chemiekonzerne tätig, konzessionierter Gastwirt, Logotherapeut und Mediator. Das besondere Interesse an „Verstärkung psychischer Leiden durch die Ökonomie“, führte zur intensiven Beschäftigung mit dem Geldwesen.