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Alles nur eine Frage der Macht?

Ein Gastkommentar von Dr. Günther Hoppenberger.

„Macht“. Mit kaum einem anderen Wort wird so leichtfertig umgegangen, wie mit diesem doch sehr inhaltsschweren Begriff, der in seiner Bedeutung nie wirklich definiert werden konnte und daher ein breites Spektrum von meist interessengeleiteten Interpretationen zulässt. Wir erfahren von der „Macht des Bösen“ ebenso, wie von der „Macht der Liebe“. In dieser Ambivalenz der Begriffsverwendung, die es uns gestattet, einen „Machtpolitiker“ abzulehnen und im selben Atemzug mehr „Macht für Vernunft“ zu fordern, sehe ich ein entscheidendes sprachliches Hindernis für globale Harmonie und Vernunft im gesellschaftlichen Beziehungsverhalten. Gedanken mögen die Sprache prägen, doch gilt auch umgekehrt, dass Begriffsverwendungen unser Denken und folglich auch unser Handeln prägen.

 Fest steht, dass Macht etwas mit dem Beziehungsverhalten zu tun hat und dass sie, wenn wir uns an Max Webers Definition orientieren („jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“), in aufgeklärten, um Entwicklung demokratischer Strukturen bemühten Gesellschaften eher destabilisierende Wirkung hat. Vor allem, sobald wir Machtstreben als natürliche, ja sogar bewunderte Handlungsausrichtung anerkennen.

Allenthalben hört man, dass „Macht“ von „Machen“ kommt. Bezieht man diese  Auffassung in die Überlegungen ein, wäre der Machtbegriff gänzlich entbehrlich, weil ja ohnehin alles Tun ein Gebrauch von Macht wäre. Selbst die Teilung der Macht und die Kontrolle der Macht, wie sich das als demokratiepolitische Errungenschaft durchzusetzen versucht, bringen keine Klarheit bezüglich eines richtigen Ausmaßes der Macht, wenn man in diesem diffusen Netzwerk von Einflusspotenzialen verharrt.

Macht ist gut, aber zu viel Macht ist schlecht! Das ergibt sich ganz logisch aus der relativistischen Betrachtung des Machtbegriffes. Aber wer ist es denn, der das richtige Maß vorgibt, bzw. beschränkt, oder ausweitet? Es ist die Macht! Und es ist stets der Top-Down Beziehungsvektor, der dabei wirksam wird.

Es ist offenkundig, dass „Macht“ immer nur von jenem Beziehungspartner gleichsam wie ein Foul reklamiert wird, an dem Macht geübt wird. Damit tritt Macht eigentlich immer als das auf, was im herkömmlichen Sprachgebrauch als Machtmissbrauch bezeichnet wird.

Damit Macht geübt werden kann, bzw. erduldet werden muss, ist eine Beziehung von zumindest zwei auf unterschiedlichen Einflusspotenzialen befindlichen Subjekten nötig. Außerdem muss es ein Machtmittel geben, das im spezifischen Kontext als solches anerkannt werden muss und dadurch erst den Niveauunterschied der Machtstufe erkennbar macht. Das wirksame Prinzip dieses Machtmittels liegt in seinem Erpressungsvermögen.

Anders gesagt: Das wirksame Prinzip der Macht ist die Erpressung.

Vielfach beruft man sich auch darauf, dass doch die Ambivalenz in den so genannten Machtmitteln liegt, die uns die gleichwertige Möglichkeit ihrer Anwendungsrichtung – zum Guten, wie zum Bösen – bieten. Und was möglich ist, wird eben auch getan. Basta. Und Macht ist eben auch dazu da, Gutes zu tun. Freilich kann das viel zitierte Messer sowohl zum Brotschneiden, wie auch zum Morden verwendet werden. In einer Welt, in der es vordringlich um die Harmonie des gesellschaftlichen Beziehungsverhaltens innerhalb und zwischen den Völkern gehen sollte, kommt dem Messer jedoch eine klare Widmung zu: Jene des Brotschneidens. Und so gibt es auch keinen Bereich von verfügbaren Hilfsmitteln, Fähigkeiten, oder Funktionen, die nicht mit einer ursprünglich klaren und eindeutigen Widmung für die Menschheitsentwicklung versehen wären. Man kann darüber streiten, ob die Widmung neuerer Entwicklungen und daraus abgeleiteten Anwendungen noch als sinnstiftend für die Menschheit anzusehen sind, wie auch generell die Widmungen in demokratischen Prozessen regelmäßig überprüft und überarbeitet werden sollten, doch grundsätzlich war selbst die Kreation des Schießpulvers nicht der Tötung von Menschen gewidmet.

Mit Macht geht stets Widmungswidrigkeit einher!

Oder anders: Widmungswidriges Verhalten richtet sich stets gegen das Gemeinwohl und entspricht daher der Ausübung von Macht. (Es sei aber an dieser Stelle ausdrücklich vermerkt: Es soll keineswegs bedeuten, dass man im Leben ohne Ausübung von Macht auskommen könnte! Ich verweise dabei nur auf die häufig angewandte Machtausübung durch psychische und/oder geistige Manipulation, wie sie besonders in der Pädagogik als zum Teil notwendig und angebracht auftritt. Außerdem wird nicht zu übersehen sein, dass der Schwerpunkt meines Bemühens um Begriffsklärung vor allem auf die Sozioökonomie und Politik, als wesentliche Teilbereiche eines gewiss noch weit umfassender darstellbaren Machtbegriffes  ausgerichtet ist).

Das neue Schlüsselwort ist also „Widmung“. Der öffentliche Diskurs sollte sich daher nicht auf die Auseinandersetzung über zuviel und zuwenig Macht beschränken, sondern an das Grundsätzliche heranwagen. An die klar zu definierenden Widmungen von Ämtern, Funktionen, erworbenem Wissen und Kommunikationsmitteln (dazu zählt auch und besonders das Geld). Zwingend muss in den neu festgelegten Widmungen die Ausrichtung auf das Gemeinwohl erkennbar sein. Selbst eine Charta für Menschenrechte bleibt – wie wir sehen – ein Wunschkatalog, wenn wir die Widmung der Ämter und Funktionen nicht strikt darauf beziehen und Abweichungen von der Gemeinwohlorientierung bloß als eine der Möglichkeiten der Anwendung ambivalenter Mittel und Entscheidungsfähigkeiten hinnehmen, anstatt diese eindeutig als widmungswidrige Ausübung der Aufgabenerfüllung benennen zu können.

In Abgrenzung zur Macht sollte man vielleicht den gleichermaßen unscharfen Begriff Autorität aufleben lassen, wenn man bedenkt, dass Autorität verliehen, Macht jedoch stets als genommen, bzw. geraubt empfunden wird.

In und mit unseren Handlungen erwerben wir im Lebensverlauf Fähigkeiten, Wissen, Funktionen und lernen uns jeder Menge dinglicher und organisatorischer Unterstützungen zu bedienen, all deren Widmung grundsätzlich auf ein Miteinander, auf das Gemeinwohl in der gesellschaftlichen Entwicklung ausgerichtet ist. Im widmungsgemäßen Einsatz all dieser Hilfsmittel unseres Seins werden wir als Autorität handeln (nicht autoritär!) und unser Handeln wird anerkannt sein. Selbst von jenen, gegen deren Einzelinteressen ich mich vielleicht entscheiden muss. Die Autorität kann mit Vernunft argumentieren und zur Einsicht führen. Widmungswidrige Verwendung der uns jeweils zur Seite stehenden Mittel und Fähigkeiten entspricht jedoch einer Machtausübung, die grundsätzlich den Widerstand verstärken wird, den sie eigentlich brechen möchte (actio est reactio) und die sehr rasch bis hin zu Gewalt und Gegengewalt eskaliert.

Nicht Machtmittel sind mir verfügbar, sondern Hilfsmittel meines Seins, die mir die widmungsgemäße Ausfüllung meiner momentanen Funktion im gesellschaftlichen Kontext  ermöglichen. „Momentan“ deshalb, weil ja die Funktionen des Kindes, des Jugendlichen, des Studenten, der Eltern, des Unternehmers, des Alten, ….. gänzlich verschieden sind.

Und wenn wir – leider zu Recht – von der Macht des Geldes sprechen müssen, dann sollte uns bewusst werden, dass die Machtübung durch Geld bereits in der widmungswidrigen Gesetzgebung lag, die zu einem folglich widmungswidrigen System führte, dem das Geld nur gehorcht (das Messer gehorcht auch seiner widmungswidrigen Anwendung). Widmung ist der Zauberbegriff! Wozu wurde etwas geschaffen, entwickelt, erfunden? Wozu sollen die von mir erworbenen Fähigkeiten dienen? Wie soll ich mit meinen Kenntnissen umgehen? Wohin soll ich meine Gefühle richten? Und nicht zuletzt: Wozu soll Geld dienen?

Wenn jedoch, wie es heute im pyramidalen, hierarchischen System der Fall ist, alle weiteren Widmungen von einer obersten Systemwidmung abgeleitet sind und diese bereits durch widmungswidrige Anwendung der Rechtsetzung zustande kam, dann ist es sehr schwer, eine Neuausrichtung, bzw. eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Widmungen zu erreichen.

Was wir daher dringend brauchen, ist die Neubestimmung der Widmung des Geldsystems und eine damit einhergehende widmungsgemäße Gesetzesänderung.

Die Voraussetzungen dafür könnten in dem derzeitigen, als Krise bezeichneten Dilemma nicht besser sein.

Günther Hoppenberger: Alles nur eine Frage der Macht; Langfasung (.pdf); November 2013.