BlogGeldschöpfung

Abbau von Schulden = Abbau von Guthaben

Schulden und Guthaben sind immer gleich hoch. Diese Aussage hört man immer häufiger, wenngleich es entscheidende Meinungsunterschiede in der Interpretation gibt. Im herkömmlichen neoklassischen Verständnis, das Ersparnisse den Krediten voraussetzt, ist diese Aussage eine Tautologie, die sich aus den Regeln der Bilanzierung ergibt: Die Guthaben des Einen sind bei einem Verleihvorgang zwangsläufig die Schulden des Anderen. An die Stelle einer Einlage auf der Aktivseite der Bilanz tritt „nur“ eine Forderung des Kreditnehmers. An der Bilanzsumme ändert sich dabei nichts. Die Einlage des „Sparers“ kommt von Außen in die Bank (Outside-Money) und wird als Kredit intern weitergegeben bzw. bei Schuldentilgung wieder zurückgezahlt, womit es auch wieder nach Außen abfließen kann. Geld ist ein Tauschmittel, eine Art Katalysator, der selbst in die neue chemische Verbindung nicht eingeht. Outside-Money bleibt erhalten, Schuldenabbau bedingt keine Geldvernichtung! Das Geld ist somit vorhanden, es läuft permanent um, es muss lediglich von jemandem ausgegeben werden. Hauptsache: Es läuft um. Daraus resultierte auch die Ansicht: „Money doesn’t matter!“

Inside-Money ist die Realität

In Summe bildet dieses neoklassische Verständnis von Geld die Basis aller Überlegungen zur aktuellen Überwindung der Finanzkrise. Welches Geld ist das aber? Das der Zentralbank, wie unterstellt wird, wenn man diese als alleinige Quelle der Geldschöpfung sieht? Doch Zentralbankgeld ist kein Outside-Money. Erkennbar ist das in der konsolidierten und auch aggregierten Bilanz der monetären Finanzinstitutionen (MFI), in der auch die Zentralbank enthalten ist. Im Monatsbericht der Deutschen Bundesbank (DB) bzw. der Europäischen Zentralbank (EZB) heißt es etwa: „Zu den Monetären Finanzinstituten (MFIs) zählen die Banken (einschl. Bausparkassen), Geldmarktfonds sowie Europäische Zentralbank und Zentralnotenbanken.“ (siehe Tabelle II.2) Mit der Konsolidierung der Bundesbank zusammen mit allen anderen MFIs ist klargestellt, dass alle zusammen eine Einheit bilden, und die BB den Geschäftsbanken nicht gegenüber steht.

Sämtliches Geld ist somit Inside-Money das innerhalb des Bankensystems geschaffen wird. Das Zentralbankgeld entsteht durch Kreditschöpfung aus Krediten, so wie auch das Geschäftsbankgeld – das Buchgeld – aus Krediten oder kreditähnlichen Forderungen entsteht, wie etwa Staatsanleihen, als buchhalterische Gegenposition. Bei der Kreditgeldschöpfung kommt jedoch nichts von Außen herein. Es wird „nur“ die Bankbilanz autonom durch die Bank verlängert. Auf der Aktivseite der Bilanz werden dabei die Kreditschulden – die Forderungen gegen die Kreditnehmer – vergrößert, also verlängert, woraus sich zwangsläufig auch eine Verlängerung der Passivseite ergibt und damit eine Vermehrung der Guthaben in Form von täglich fälligen Einlagen oder Termineinlagen. Zusätzliches Geld und Geldvermögen wird also durch zusätzliche Verschuldung geschöpft. Die Banken verleihen idealtypisch keine von Außen kommenden Einlagen (Outside-Money), sondern viel mehr nur selbst „gefertigtes“ Geld (Inside-Money). Damit aber verbindet sich mit dem Geld ad ovo eine Schuld – Kreditschulden, die so lange stehen bleiben, bis sie getilgt werden. Daraus folgt aber auch: Werden Schulden abgebaut und damit reduziert, so müssen zwangsläufig auch die Guthaben reduziert werden. Das heißt: Geld wird vernichtet.

Für ein anderes Verständnis von Geld und Schulden

Diese Einsicht wird in der Debatte zur Lösung der Finanzkrise fast immer vergessen oder nicht einmal erkannt. Doch wenn eine Lösung gefunden werden soll, dann nur mit einem anderen Verständnis von Schulden und Geld. Bisher wurde durch das falsche Verständnis und dem daraus resultierendem falschen Handling das Wirtschaftsvehikel in den Graben gefahren. Da die Schulden des Staates auf der Gegenseite der Bilanz die Vermögen von Privaten bilden, wurden bisher nicht nur mehr Schulden aufgetürmt, sondern auch die Vermögen stetig erhöht. Die Besteuerung von Vermögen greift dabei jedoch zu kurz. Es geht um eine Vermeidung von Schulden bzw. einen raschen Abbau von Schulden, wenn sie nicht vermieden werden können.

Dieses irrige Verständnis von Vermögen und Schulden hat seine Auswirkungen nicht nur auf die staatliche Politik, sondern auch auf die Reaktionen der Bürger. Sie sehen Vermögen als etwas konkret Greifbares, das angeeignet werden kann. Ob rechtmäßig oder unrechtmäßig. Das Vermögen der Vermögenden sind aber „nur“ Forderungen gegen die Schuldner, gegen den Staat. Bei einer gewaltsamen Enteignung fallen dann den Enteignern bestenfalls diese Forderungen zu, die aber nur so lange Vermögen sind, wie das Eigentumsrecht nicht nur gilt, sondern auch exekutiert wird.

Exkurs: Wenn Banken autonom selbst Geld erzeugen können, wieso werben sie um die Einlagen der Bankkunden und zahlen dafür Zinsen?

Die Antwort ergibt sich nicht aus der Ansicht, dass Kredite „Spareinlagen“ voraussetzen, sondern aus der von den Banken zu regelnden Fristenkongruenz. Bei langfristig abzuschreibenden Investitionen – einer größerem Maschine, einem Kraftwerk etwa – fließt die mit einem Kredit finanzierte Kaufsumme sehr rasch zurück zu den Produzenten und Verkäufern dieser Güter, womit diese dann ihrerseits ihre Kredite für die Vorfinanzierung deren Produktion tilgen können. Mit der Kredittilgung wird nun aber auch Geld aus den neuen Krediten vernichtet, wogegen die Kredite der Investoren selbst monate- bis jahrelang bis zur endgültigen Tilgung stehen bleiben. Gegenüber der „vollen“ linken Seite der Bankbilanz – den Forderungen – bleibt hier vorerst eine „leere“ rechte Seite in Form fehlender Bankverbindlichkeiten, ähnlich einer Kinderwippe, auf der nur auf einer Seite ein Kind sitzt. Diese „leere“ rechte Seite wird dann aber mit den Rücklagen insbesondere aus dem Bereich Haushalte gefüllt, weil ja dort die monatlich ausgezahlten Einkommen nicht spontan wie beim Kauf eines Investitionsgutes, sondern verteilt auf Monate bis zu Jahren ausgegeben werden, und damit hier die Bankbilanz auf der rechten Seite „übervoll“ ist. Die oben genannten fehlenden Verbindlichkeiten können dieses Übermaß abdecken. Das, was als Sparen der Haushalte ausschaut, ist eben die o.a. Fristenkongruenz. Es ist ein Sparen, aber eines, das erst nach Kreditvergabe beginnt und nicht schon davor – als Voraussetzung hierfür vorhanden – ist. In der Banksprache heißt das die „Goldene Bankenregel“.

Zu sehen ist zudem, dass die Lohneinkommen einen ganz entscheidenden Finanzierungsfluss bilden, der sich über alle Ebenen der gesamten Wertschöpfungskette bildet – von der Gewinnung von Rohstoffen bis letztlich hin zu den kleinteiligen Konsumprodukten wie ein Paar Hosen oder einem IPad. Mit diesen Lohneinkommen wird dann aber zur selben Zeit von jeder Ebene aus auf die oberste Ebene der dort angebotenen, schon früher gefertigten Konsumprodukt zugegriffen.

Über den Autor: Ernst Dorfner, DI, Linz, geb. 1933, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fragen der Geldwirtschaft , die von der Schulwissenschaft nicht gestellt werden.